21 Apr 2011

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Die Berg ruft – Methusalempop im Aufwind?

Der Geschmack der Neureichen

Die Tanz–, Unterhaltungs- und Volksmusik hat ja bekanntlich eine recht lange Tradition. So entstand vor etwa 200 Jahren in Paris die Operette als „Musikposse“, eine Musikkomödie in Singspielform (Jacques Offenbach) und Wien brachte mit Johann Strauß eines der größten Genies der Unterhaltungsmusik und mit ihm den Wiener Walzer hervor.

Tanzmusiker?

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges brach die großbürgerliche und adelige Gesellschaft

zusammen, die die Operette sozial getragen hatte. Die später geschriebenen Operetten mussten Konzessionen an den Geschmack der Neu

reichen machen; sie wurden deshalb zusehends seichter und vulgärer.

Schlagermiezen Andrea Berg und Helene Fischer

Fast möchte man behaupten, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat –

der stern fordert gar „eine UN-Resolution, die das Einrichten einer Produktionsverbotszone für solche CDs erlaubt“. Andrea Bergund Helene Fischer, Protagonisten der deutschsprachigen Schlagerszene, werden als „Schlagermiezen“ etikettiert,

Annett Louisan (eigentlich Annett Päge) wird mit “Reihenhaus-Lolita”, Max Raabe als “der Poster-Boy der Weimarer Republik” tituliert. Auch Balladen-Barde Unheilig („Der Graf“) wird mit in einen Topf zu Andrea Berg, Helene Fischer, Ina Müller und anderen geworfen:
“Es scheint, als hätten sich die Charts dem demografischen Wandel angepasst. Der Geschmack der Alten gibt den Ton an, deshalb wollen wir die Debatte ‘Krisenherd Methusalem-Pop’ eröffnen.”

Methusalem-Pop

Auch die Fans der leichten Muse bekommen ihr Fett weg: „Als Langhaardackel-Besitzer, die ihren Hund aus Faulheit auf den Teppich pinkeln lassen, so werden Schlagerfans im Magazin stern dargestellt“, empört sich Jörg Mandt.
Der Lüneburger, lokal bekannt als Schlager – DJ Wahnsinn, ist im Hauptberuf Chefredakteur der Unterhaltungszeitschrift Das Neue und hat jetzt eine Kampagne gegen die ständige Schlager-Verunglimpfung im stern gestartet. „Ich liebe Schlager!“ heißt die Aktion. Und Mandt hat prominente Mitstreiter im Boot: Heino, Semino Rossi, Udo Jürgens, Florian Silbereisen, Helene Fischer, Andrea Berg, Die Amigos, Nik P., Karel Gott und andere. „Wir wehren uns gegen die hämischen CD-Kritiken, die regelmäßig im stern zu lesen sind“, sagt Mandt.

Ein Kommentar auf YouTube bringt Licht ins Dunkel:
„dann verstehe ich nicht mehr die welt. sind denn das lauter idioten, die die amigos nicht mögen. ich bin überzeugt, nur menschen ohnejegliche gefühle mögen diese lieder nicht, das sind für mich keine menschen, daß sind wüstlinge.“
und
„Ich bin ein Wüstling ohne Gefühle und ich hasse die beiden Schnarchnasen aus vollem Herzen. Wie wenig Hirn muss jemand besitzen und wie wenig Sinn für Musik wenn man so etwas auch nur im Ansatz gut finden kann. Es ist einfach nur entsetzlichster Schwachsinn.“
Zwei gedankliche Ansätze, die zwei Lager repräsentieren – völlig emotionslos, sachlich und tolerant. Und das Beste: So was gibt´s auch im Kleinen, will sagen im  Schlager- und Volksmusik Hinterland – zwischen Hameln und Stadthagen, zwischen Obernkirchen und Höfingen oder wie immer die Provinz Örtchen auch heißen mögen. Hier findet man Menschen, die im Gary Glitter Look die Kleinbühnen der Dorfkneipe bevölkern und vorgeben, „Musik zu machen“, um die Kundschaft von ihren Alltagsproblemen und Sorgen abzulenken und darüber hinaus in gute Stimmung zu versetzen. Zu diesem Zweck spielen sie „Stimmungsmusik“ und animieren das Publikum zu Gesellschaftsspielen („… jetzt krempeln alle Herren `mal das linke Hosenbein hoch und ziehen dem Vordermann am rechten Ohrläppchen…“) – das zeugt, wie ich finde, von hoher sozialer Kompetenz und sollte im Grunde gesondert vergütet werden.

Tanzmucker

Damit man diese „Tanzmucker“ auch findet, besitzen sie einen Webauftritt mit originellen Namensbezeichnungen (ähnlich wie die Amigos, Toreros, Tornados …). So kommt bei vielen natürlich der Begriff „Party“ als Namensteil vor, damit potentielle Kunden auch wissen, warum sie gerade diesen Mucker buchen sollen, bei anderen ist ein wildes Tier Teil der Namensgebung. Nein nicht Geier, eher  eine Raubtierart aus der Familie der Canidae. Von wegen „wild“. Seniorenresidenzen aufgemerkt!
Wenn man dann einen passenden gefunden hat, setzt man sich (vielleicht) mit der Qualität des Muckers auseinander – wie dieser ehemalige Tanzmucker aus dem musiker-board:

Zitat:
1. Es gibt wie in jeder Musikrichtung gute und schlechte.
2. Auch gute haben überall mal einen schlechten Tag
3. Viele machen es sich aber in letzter Zeit viel zu leicht – lassen einfach ein MIDI-File ablaufen und gut !? (dies muss ich schärfstens verurteilen)
4. Oft hat man es als Tanzmucker wirklich nicht leicht. Von mir ausgehend (wir haben im Duo gespielt) kann ich nur sagen man ist für einen durchschnittlichen Auftritt von Nachmittags 16.00 Uhr bis nächsten Morgen ca. 03.00 Uhr unterwegs. Man muss (wenn man nicht gerade in einer Profi-Kapelle mit Roadies spielt) alles selbst auf- und abbauen (Instrumente, PA, Licht) Man sollte alle möglichen Sachen von Flippers bis AC/DC drauf haben dadurch wird man Stil-Mässig sehr flexibel (wenn man sich ernsthaft damit beschäftigt) und einigen “Spezialisten” oft etwas voraus…
Trotzdem habe ich in den 15 Jahren, in denen ich gemuckt habe, überwiegend schöne Stunden verbracht. Wenn man es schafft ein paar hundert Leute auf die Tische bzw. auf die Tanzfläche zu bringen ist das schon ein geiles Gefühl
und wenn die Omi dann nach einer (nicht ganz so heftigen) Rockrunde zu mir kommt und sagt, dass sie das super toll fand – sowas macht wirklich Spass.
Natürlich hat man dadurch einen ganz guten Verdienst aber auch viele Entbehrungen.
Ich spiele nun in einer Band weil ich keinen Bock mehr auf Sequenzer-Mucke hatte aber sonst möchte ich diese Vergangenheit nicht missen.
Zitatende.

Ich finde ja, dass es solche Mucker wirklich nicht leicht haben – ich kannte `mal einen, der hat sogar regelmäßig bis morgens 5 Uhr Sequenzen gespielt. Und der nicht nur schöne Stunden verbracht hat. Aber das hat er natürlich nicht erzählt. Und ich glaube, dass sowohl die Lokalmatadore als auch die landesweit bekannten Größen eigentlich nur unser Bestes wollen. Und dafür sollten wir sie loben. Und ehren. Weil
“Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen.” (Karl Valentin)
und
„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“
(Albert Einstein)

P.S.
Ich mag die Amigos. Ich glaube, ich kenne sogar deren Toningenieur – Ali MachmaEcho. (ich trete dich ins Feuer, …er, …er, …er)

 

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